Der Santa Cruz Trek

Fahrt zum Santa Cruz Trek
06.06. – 08.06.2018

Einmal mehr verabschieden wir uns von Kettlin und Eduardo.

Dann beginnt eine wahre Odyssee, denn allein die Fahrt nach Lima dauert 21 Stunden.

Und es regnet in der Wüstenregion. Unglaublich.

Mittags erreichen wir Lima, wo wir einen Teil unseres Gepäcks bei unserem ersten AirBnB abholen müssen, da die Dame uns nun doch nicht bei der Abreise beherbergen kann. Diesen Teil des Gepäcks und auch einige andere Dinge bringen wir dann in ein anderes AirBnB, das wir nun für den Abreisetag gebucht haben.

Anschließend essen wir noch zu Abend, dann setzten wir uns für weitere neun Stunden in den Bus nach Huaraz.

Dort kommen wir morgens an. Wir kaufen noch Essen für die Wanderung ein, dann nehmen wir ein Colectivo (oder ist es ein kleiner Bus?) nach Caraz.

Vor Ort suchen wir uns ein Hotel, wo wir nach dem Trek übernachten werden und schon heute einen Teil unseres Gepäcks lassen können.

Anschließend geht es wieder per Colectivo einen Ort zurück Richtung Huaraz (Yungay) und von dort zum Startpunkt des Treks. Bei der Abfahrt im Ort wundern wir uns noch, weshalb der Fahrer an einer Autowerkstatt hält, alle Reifen fester zieht und gleich zwei Ersatzreifen aufs Dach lädt.

Doch bald darauf verstehen wir es.

Die Fahrt durch die Berge ist abenteuerlich. Die Straße ähnelt oft einem Flussbett voller Steine, während der Hang an einer Seite steil abfällt. Ängstliche machen hier besser die Augen zu. Wir behalten sie offen, denn wir haben mittlerweile eine wirklich große Gelassenheit gewonnen. Es bringt nichts, sich über Dinge aufzuregen, wenn noch gar nichts passiert ist.

So genießen wir stattdessen die fantastischen Aussichten.

Und müssen lachen, als wir auf dem Dach eines entgegenkommenden Busses einen besonderen Passagier entdecken: eine Ziege!

Kurz vor Vaqueria, dem kleinen Ort am Startpunkt (bzw. für Touren häufig der Endpunkt) des Santa Cruz Trek, liegt eine schöne Unterkunft namens Illariy Lodge.

Hier lassen wir uns absetzen. Der Fahrer ist sogar so nett und ruft noch die Besitzerin herbei.

Ein Zimmer zu bekommen ist kein Problem, denn heute sind wir die einzigen Gäste.

Die nette Dame kocht auch für uns, wobei die Preise akzeptabel erscheinen, bis wir das Essen sehen… Sie hatte eigentlich etwas von Reis und Hühnchen gesagt, später noch etwas über Eier und daraus hatte unsere Fantasie ein sehr schmackhaftes Mal kreiert. Leider sieht die Realität anders aus. Es gibt eine Art Spiegelei und total fettige, pampige Pommes. Ich kann sie kaum essen, weil mir schon nach kurzer Zeit schlecht davon wird.

Aber satt werden wir, und das ist ja die Hauptsache.

 

Santa Cruz Trek – Tag 1
09.06.2018

Nach einem frühen Frühstück, das der (miesen) Qualität des Abendessens in nichts nachsteht, unsere Laune aber nicht mal ankratzt, machen wir uns auf den Weg.

Die Landschaft ist wahrhaft traumhaft. Vom ersten Moment an.

In dem kleinen Dorf (Vaqueria), das wir durchqueren müssen, laufen die meisten Tiere frei herum.
Einige Kinder rennen herum, manche haben Rucksäcke dabei und scheinen es eilig zu haben. Hoffentlich sind sie auf dem Weg zu einer Schule. Die erwachsenen Frauen kümmern sich um den Haushalt, wir sehen einige vor einem Haus sitzen und Mais pulen, während die Männer auf den Feldern zugange sind. Auch gebaut wird, mit selbstgemachten Lehmziegeln.

Auf einer für Zusammenkünfte tauglich geformten Wiese haben sich einige Männer versammelt. Sie diskutieren irgendwas. Wir grüßen freundlich und gehen weiter. An einem Esel vorbei, der friedlich grast.

Etwa hundert Meter später fällt uns auf, dass der Esel uns nachläuft.

Wir bleiben stehen und versuchen, ihn zum Umkehren zu bewegen. Mit wenig Erfolg.
Ein Mann bemerkt uns und den Esel, springt auf und läuft in unsre Richtung. Also beschränken wir uns darauf, den Esel nicht vorbeizulassen, bis sein Herr uns einholt.

Dieser bedankt sich sehr. „Der wäre euch jetzt bis auf den Pass gefolgt“, meint er kopfschüttelnd.

Bald darauf stecken wir im Stau.

Eine Schafherde blockiert in aller Gemütsruhe den Weg. Die Hirten sind einige kleine Jungs. Wir passen eine günstige Stelle ab, um uns durchzudrängeln.

Nach einiger Zeit erreichen wir eine Hütte, in der ein Mann sitzt und unsere Tickets für den Nationalpark kontrolliert. Ab dort treffen wir nur noch selten auf andere Menschen.

Der Weg führt uns durch wunderschöne Landschaften, und der Zeltplatz, den wir bereits am frühen Nachmittag erreichen, liegt mit Blick auf einen großen Gletscher.

Obwohl wir theoretisch noch weitergehen könnten, beschließen wir, es uns hier für die Nacht gemütlich zu machen. Wir bauen unser Zelt auf und essen etwas.

Vier andere Backpacker kommen noch vorbei, machen eine kurze Pause und gehen weiter. So haben wir wider allen Erwartungen den Zeltplatz ganz für uns alleine. Perfekt.
Wir sammeln Feuerholz. Kurz vor der Dämmerung spazieren wir noch den benachbarten Hang hinauf, um einen besseren Blick auf den Gletscher zu bekommen.

Als die Dunkelheit hereinbricht, was hier bereits um 18:00 Uhr der Fall ist, entzünden wir ein Feuer und verbringen den restlichen Abend vor den knisternden Flammen.

 

Santa Cruz Trek – Tag 2
10.06.2018

Wir brechen recht früh auf, denn wir haben heute eine lange Strecke vor uns. Allerdings nicht so früh, wie empfohlen. Was soll‘s, wir machen uns keine Gedanken. Denn die höchste Stelle der Wanderung ist der Pass mit 4.750m, und auf der Höhe haben wir während dem Quyllurit’i Festival ja sogar ein Nickerchen gehalten, bei dem wir nur in Decken gewickelt waren. Wir sind also ziemlich optimistisch, dass wir in jedem Fall überleben werden.

Der heute zu bewältigende Aufstieg ist allerdings nicht ohne, und obwohl wir schon so lange in den Bergen unterwegs sind, spüren wir erneut deutlich die Höhe.

Aber die Landschaft ist so wundervoll, dass jede Verschnaufpause doppelter Genuss ist.

Gegen Mittag treffen wir eine Gruppe von Männern mit ihren Maultieren, die wohl für die Versorgung von Touristengruppen zuständig sind. Sie fragen uns, wohin wir heute noch wollen, und lassen uns wissen, dass wir von hier bis zum Pass noch etwa drei Stunden brauchen werden.
Wir bedanken uns und wünschen ihnen einen schönen Tag.

Kurz danach kommen wir an einer schrägen Felsplatte vorbei, über die ein Bach herabfließt. Laut der Karte liegt oberhalb von ihr eine „Laguna“, wie die kleinen Bergseen hier genannt werden.

Wir mögen nicht widerstehen und kraxeln hinauf. Das geht erstaunlich gut.
Die Lagune liegt allerdings noch ein ganzes Stück höher. Dort essen wir zu Mittag.

Statt danach auf den Weg zurückzukehren, folgen wir den Pfaden der Kühe an zwei weiteren Lagunen entlang. Der Blick auf den Pass und die schneebedeckten Gipfel daneben öffnet sich, und wir sind im Paradies eines jeden Wanderers.

Der Salkantay war ja schon schön, aber ganz allein in einer solchen Traumlandschaft unterwegs zu sein ist doch nochmal eine Steigerung.

Wir sind unglaublich froh, dass wir nicht auf den jungen Deutschen gehört haben, der uns diesen Trek mit einer Tour empfohlen hat. Es ist immer wieder interessant, wie Leute über ihre Entscheidungen reflektieren. Wer mit einer Tour gegangen ist, denkt oft, er hätte sich nicht besser entscheiden können, obwohl er keine Bekanntschaft mit der Alternative gemacht hat. Man neigt wohl dazu, sich selbst gerne rechtzugeben 😉

Auch wir geben uns recht: Besser hätten wir es nicht machen können. Wer braucht schon einen Guide und Packesel? Wir jedenfalls nicht!

Die Ruhe ist unbeschreiblich. Wir genießen sie in vollen Zügen.

Und machen etliche Fotos von einer toten Kuh, deren Verwesungszustand ein geradezu fotogenes Stadium erreicht hat. Sie besteht nur noch aus Knochen und Fell.

Erst kurz vor dem finalen Passaufstieg kehren wir auf den Weg zurück.

Dieser letzte Teil hat es wirklich in sich. Immer wieder bleiben wir stehen und verschnaufen. Es ist ziemlich steil. Doch abgesehen davon: die Aussicht ist absolut erhaben!

So trödeln wir hinauf, zu dieser Wand aus schwarzem Fels, in der nur an einer Stelle eine Lücke klafft: der Pass.

Die letzten Meter zum Pass sind so steil, dass eine Treppe gebaut wurde.

An manchen Stellen ist der Boden vereist.

Wir erreichen den Durchstieg gerade in dem Moment, als die Sonne dahinter verschwinden will.

Auf der anderen Seite erwartet uns eine Überraschung: Der Gletscher reicht fast bis an den Pass heran und endet in einer wunderschönen Lagune.

Während wir noch staunen überholt uns die Gruppe mit den Mauleseln, die uns mittags entgegengekommen ist. Ein junger Mann mit schelmischem Grinsen fragt nach der Uhrzeit. Wir haben über fünf Stunden gebraucht. Für die Strecke, für die sie uns drei Stunden angegeben hatten.

Sie winken uns nochmal zu, dann sind sie auf und davon, springen und rennen gemeinsam mit den Maultieren die Felsen hinab wie Gämse.

In den letzten Sonnenstrahlen steigen wir bis zu einer ebenen Stelle an einem Bach hinab. Dort schlagen wir vollkommen erschöpft unser Lager auf. Der Gletscher wacht über uns.

In der Nacht wache ich mit voller Blase auf, will aber erst gar nicht hinaus in die Kälte. Als ich mich schließlich überwinde, werde ich jedoch belohnt: Der Himmel ist unglaublich klar und die Milchstraße leuchtet direkt über dem schneebedeckten Gipfel. Es ist ein Anblick voller Naturmagie, der ein wohliges Staunen in jedem Teil meines Körpers auslöst. 

Eine Sternschnuppe zieht übers Firmament und die kalte Nachtluft lässt mich erschaudern, als hauche mich der Gletscher persönlich an.

Mit weit aufgerissenen Augen die Realität träumend klettere ich zurück ins kuschlige Zelt.

Dieser Anblick wird uns hoffentlich für immer in Erinnerung bleiben.

 

Santa Cruz Trek – Tag 3
11.06.2018

Bereits um fünf Uhr morgens wachen wir auf. Kein Wunder, da wir bereits gegen 19:00 Uhr gestern geschlafen haben.

Es ist so kalt, dass wir nicht frühstücken, sondern nur schnell alles zusammenpacken und gleich losgehen. Immer wieder drehen wir uns zum Gletscher um, dessen Magie uns nicht loslässt.

Die heutige Strecke ist toll, da es permanent sanft bergab geht.

Weiter unten überholen wir etliche der Leute, die gestern an unserem Campingplatz vorbeimarschiert sind. Heute sind sie noch dabei, zusammenzupacken.

Die Strecke ist abwechslungsreicher als erwartet.

Es geht über grüne Heide, durch lila Blumenpracht, an weiteren schneebedeckten Bergen und einem riesigen Erdrutsch vorbei, dann über eine wüstenartige Ebene, durch die ein Fluss fließt, und an Wasserfällen sowie einer weiteren Lagune entlang.

Wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Recht früh erreichen wir den Zeltplatz und beobachten erneut, wie andere Backpacker noch weitergehen. Wir suchen uns eine schöne Stelle und schlagen unser Zelt auf.

Wobei wir kurz darauf nochmal umziehen müssen, da unser Zelt offenbar im „Revier“ zweier Eseldamen liegt, die uns einfach nicht in Ruhe lassen wollen.

So finden wir zum Glück ein noch schöneres Plätzchen. Geschützt, weit genug weg vom lauten Fluss und mit perfektem Blick zurück zum Gletscher.

In einem kleinen Laden können wir zum ersten Mal seit Verlassen des Dorfes am Beginn des Treks einige Kleinigkeiten kaufen. Es gibt Wasser, Klopapier und Snacks.

Wir nehmen ein paar Chips und etwas zu trinken, da wir nicht wissen, ob wir beim morgigen Abstieg nochmal gut auffüllen können. Seit unseren Darmproblemen sind wir übervorsichtig. Selbst das Bergwasser, dass wir die letzten Tage getrunken haben, haben wir mit Micropur Tabletten behandelt und gefiltert.

Wir kuscheln uns ins Zelt.  Mit Pumpernickel, unseren anderen Leckereien, den Chips und einem guten Hörbuch ausgestattet, erfreuen wir uns noch stundenlang an der Aussicht. Selbst als es schon lange dunkel ist und wieder der wundervolle Sternenhimmel seine Arme über uns ausbreitet.

 

Santa Cruz Trek – Tag 4
12.06.2018

Wir wachen mit der Sonne auf und machen uns an den letzten Teil des Weges.

Er führt die meiste Zeit an dem Flüsschen entlang, neben dem wir auch übernachtet haben.

Heute ist der Weg teilweise etwas steiler und wir sind froh, dass wir den Trek in dieser Richtung (von Vaqueria nach Cashapampa) gemacht haben und nicht wie die meisten Touren in entgegengesetzter Richtung. Wir mussten wesentlich weniger Meter bergauf gehen und die Route ist wunderschön.

Immer und immer wieder bewundern wir die Maulesel, Esel und Pferde samt ihren Treibern, die diesen Weg tagtäglich bewältigen und häufig weit größere Strecken zurücklegen als wir Backpacker.

Schließlich ist es so weit: Wir winken dem Gletscher, dessen Anblick uns die letzten Tage begleitet hat ein letztes Mal zu.

Erneut sind wir früh dran, als wir das Ende unserer Wanderung, Cashapampa, erreichen.

Mit einem Colectivo fahren wir dann zurück nach Caraz, weil wir keine Lust haben, auf einen überfüllten Bus zu warten. Nicht die beste Idee, denn wie sich herausstellt ist es bei den hiesigen Colectivos keinesfalls mit voll besetzten Plätzen getan. Und auch nicht, wie bei unserer Erfahrung am Ende des Salkantay, mit vier Personen auf der Rückbank.

Nein, hier müssen zwei Personen auf den Beifahrersitz, mindestens vier oder fünf auf die Rückbank und dann noch so viele in den Kofferraum wie irgend möglich. Unser Fünfsitzer ist am Ende mit zehn Personen vollgestopft. Davon nur zwei Kinder.

Aber wir kommen an, und das ist ja bekanntlich die Hauptsache.

Im Hotel holen wir gleich unsere zurückgelassene Habe ab, beziehen unser Zimmer, duschen warm (himmlisch!) und machen erst mal ein Mittagsschläfchen.

Dann buchen wir unsere Unterkunft für morgen und gehen essen.

Mehr kriegen wir nicht hin, die vier Tage Wandern mit den vorausgegangenen zwei Tagen im Bus hatten es ganz schön in sich. Wir sind völlig kaputt.

Vor allem, weil wir während der beiden Nächte auf um die 4.000m nicht wirklich gut geschlafen haben. Vielleicht war das wirklich die Höhe.