Abenteuer Quyllurit’i

Quyllurit’i
26.05. – 27.05.2018

Den Tag verbringen wir entspannt. Abends um zehn verlassen wir mit Kettlin das Haus und nehmen ein Taxi zur Busstation. Dort herrscht schon ordentlich Gedränge und verschiedene Unternehmen konkurrieren um Fahrgäste.

Wir lassen Kettlin einfach entscheiden.
Im Bus wird geschlafen. Gegen ein Uhr nachts erreichen wir unser Ziel.

Einen kleinen Ort in den Bergen. Irgendwo.

Überall an der Straße sind kleine Verkaufsstände, Richtung Berg werden es immer mehr. Ein ganzer Markt, auf dem man alles kaufen kann, was man für das Festival brauchen könnte: Warme Kleidung, Campingequipment, Essen, Glücksbringer.

Kettlin kauft ein Kinderjäckchen für ihren winzigen Hund, weil es so kalt ist. Wir haben unsere warme Decke mitgebracht, aber während dem Laufen kann sie natürlich nur einer gut tragen, daher kaufen wir gleich noch eine weitere.

Dann beginnen wir mit dem Aufstieg.
Das erste kurze Stück ist ziemlich steil und wir merken, dass wir uns bereits jetzt auf gut 4.000 m befinden, als unsere Herzen ordentlich zu pumpen beginnen und wir etwas kurzatmig werden.

Zum Glück wird der Weg schon kurz darauf wesentlich angenehmer und führt sehr schonend bergauf.

Mit Tausenden anderer Menschen wandern wir unter dem Vollmond dahin. Nur wenige Taschenlampen sind in Gebrauch, denn es ist hell genug, um den Weg zu erkennen.
Der Sternenhimmel ist atemberaubend, und immer wieder erklingt Musik von den kostümierten Musikgruppen.

An manchen Stellen stehen Kreuze. Hier werden Kerzen angezündet und kleine Opfergaben dargebracht.  Die Musiker bleiben auf ihrem Weg an jedem dieser Orte stehen und spielen.

Fasziniert beobachten wir das Treiben.

Schon hier, noch auf dem Weg,  wird die Verwobenheit von altem Glauben an die Naturgeister und dem neuen Glauben des Christentums deutlich. „Heilige“ Kreuze und „heidnische“ Rituale.
Kerzen, Opfergaben, Musik und Tänze.

Alle paar Kilometer stehen mehrere Zelte, in denen man warmes Essen und Getränke erstehen kann. Zudem gibt es meist ein Baño (Toilette), das aus einer simplen Holzkonstruktion besteht, die mit Plastikplanen verkleidet ist.

Ab und zu müssen wir für einige Pferde Platz machen. Wer nicht schnell genug aus dem Weg geht, läuft Gefahr, gestoßen zu werden.

Als wir immer höher steigen, sind manche Stellen vereist. Hin und wieder rutscht einer von uns plötzlich aus, doch zum Glück fangen wir uns jedes Mal rechtzeitig und keiner verletzt sich. Mit der Zeit lernen wir, auf das leichte Schimmern auf dem Eis zu achten und auch das Verhalten der Leute vor uns gut zu beobachten, um glatte Stellen rechtzeitig zu erkennen.

Nun macht sich die Höhe immer stärker bemerkbar. In Kombination mit der Müdigkeit würde ich am liebsten alle paar Meter stehenbleiben, um wieder zu Atem zu kommen.

Wir wandern fast die ganze Nacht.

Acht Kilometer sind es bis zum Festival.
Kurz nach fünf Uhr morgens rasten wir in einem Essenszelt. Eine Tasse mit heißer Mais-Suppe wärmt wunderbar, und Dario döst ein, während wir Frauen uns leise unterhalten. Ich frage mich, ob es für Kettlin unangenehm ist mit mir in Englisch reden zu müssen, während so viele andere Leute um uns herum sind. Aber zum Glück scheint sie völlig entspannt.

Trotzdem bemühe ich mich auch immer wieder mal, Spanisch zu sprechen. Gerade mit ihr geht das gut, denn sie kann mir wiederum helfen, wenn ich Schwierigkeiten habe.

Während wir weiter Suppe schlürfen, macht sich Kettlins Hund begeistert über einige Hühnerreste aus der Mülltüte des Kochzeltes her.

Gegen sechs Uhr wecke ich Dario und wir machen uns wieder auf den Weg. Hinter der nächsten großen Wegbiegung erwartet uns das Festival.

Der erste Anblick ist eigentlich wenig beeindruckend. Eine große, ziemlich schäbige Zeltstadt. Hauptsächlich billige Zelte, die gegen Kälte und Feuchtigkeit mit zusätzlichen Planen abgedeckt sind.

Doch wenn man den Blick hebt, die schneebedeckten Gipfel betrachtet und sich klar macht, dass diese Zeltstadt auf 4.700 m steht und kein einziges Fahrzeug für den Antransport benutzt wurde, dann ist das schon beeindruckend. Ebenso beeindruckend ist Kettlins Auskunft, dass dieses Fest seit gut 1.300 Jahren jedes Jahr stattfindet (genaueres habe ich dazu allerdings nicht gefunden).

Wir wandern zu einem kleinen Platz vor einer Kapelle, wo eine kostümierte Gruppe musiziert und tanzt. Von dem kurzen Marsch schon wieder vollkommen fertig, hocken wir uns zwischen die Zuschauer. Die Decken wickeln wir so eng wie möglich um uns. Es ist verdammt kalt!

Als die Gruppe mit ihrer Vorführung fertig ist, betritt sofort die nächste den Platz, und so geht es immer und immer weiter.

Kettlin erklärt uns, dass während des Festivals die ganze Zeit getanzt wird. Tag und Nacht.

Jede Gruppe hat andere Kostüme, auch wenn immer wieder ähnliche Stile zu beobachten sind. Besonders wichtig sind die maskierten Männer in den Fransentrachten. Sie sind die Hüter des Gletschers und steigen auch hoch in diesen hinauf, um ihre Opfergaben zu erbringen. Dabei müssen zwar immer wieder welche von ihnen ihr Leben lassen, doch es gilt als große Ehre, auf dem Gletscher sein Ende zu finden.

So verstehe ich jedenfalls Kettlins Erklärung. Bitte nehmt es mir nicht übel, falls irgendwas mal nicht ganz stimmt. Ich möchte auf die interessanten Details nicht verzichten, nur weil ich mir über deren Richtigkeit nicht hundert prozentig sicher bin…

Auch die Tänze der verschiedenen Gruppen haben untereinander Ähnlichkeiten. Häufig werden Peitschen benutzt. Wir können immer wieder traditionelle Kämpfe zwischen zwei Kontrahenten beobachten. Die Männer wechseln sich mit dem Angriff ab. Mit der Peitsche wird auf die Wade des Gegners gezielt. Ein Schiedsrichter beurteilt die Kämpfenden. Wie gut ist der Umgang mit der Peitsche? Wie werden die Schläge ertragen?

Der Schiedsrichter entscheidet den Kampf.

Diese traditionellen Peitschenkämpfe entsprechen wohl in etwa dem vornehmen Duellieren. Sie werden eingesetzt, um Streitigkeiten zwischen zwei Personen zu lösen.

Ob auch Frauen da mitmachen? Bei den Tänzen tun sie es jedenfalls. Und stecken lachend die Hiebe auf die Waden ein, die sie von ihren Mittänzerinnen erhalten.

Bei anderen Tänzen werden akrobatische Elemente, wie das Errichten eines menschlichen Turms, eingebaut.

Die Kostüme sind prächtig, und viele Hirten schmücken sich mit ausgestopften Jungtieren. Einige tragen sogar Vicuñas. Alpakaähnliche Geschöpfe, deren Fell zu unglaublichen Preisen gehandelt wird.

Einzig die schlechten Lautsprecher stören die Faszination ein wenig. Die Musiker kämen auch gut ohne Verstärker zurecht. Aber Hauptsache modern, oder?

Kettlin lässt uns eine Weile alleine bei den Tänzern zurück, um ihre kleine Opfergabe an den Gletscher zu bringen. Sie ist Archäologin und folgt dem alten Glauben.

Anschließend nimmt sie uns auch mit an den Gletscher.

Für den Aufstieg brauchen wir allerdings ziemlich lange. Zuerst muss ich eine Toilette finden. Dann bewundern wir einen Bereich des Festivalgeländes, wo die Leute aus herumliegenden Steinen Miniaturverionen ihrer Traumhäuser bauen. Natürlich nicht sehr akkurat, aber das spielt beim Träumen und Wünschen keine Rolle.

Wenn das Werk beendet ist, wird auch gerne mal Konfetti drüber gestreut oder ein Böller gezündet. An kleinen Verkaufsständen kann man auch fertige Miniaturhäuser und allerhand Glücksbringer erstehen, wie etwa ein Bündel mit falschen Dollarscheinen – „10.000 Dollar por 1 Sol!“ – oder Spielzeugautos. Letztere kann man dann gleich in die Steingarage stellen … – und hoffen, dass die Wünsche wahr werden.

An einem großen Stein kann zudem gleich geheiratet werden. Nur zum Spaß natürlich. Die Urkunde gilt nicht offiziell.

Wir verzichten dankend, denn wenn wir endlich heiraten, dann schon richtig 😉

Es ist aber ein Freude, den Paaren zuzusehen. Der „Priester“ hat seinen Spaß und weiht seine Opfer immer und immer wieder mit Wasser aus einer Trinkflasche. Aus den Lachern der Menge lässt sich schließen, dass der Text auch nicht gerade dem Standard einer Hochzeit entspricht.
Ab und an geht auch ein Spritzer aus der Flasche ans Publikum. Oder einfach mal über die Schulter des „Priesters“… möge es treffen wenauchimmer!

Ab und zu sehen wir mal andere „Weiße“, doch die können wir an einer Hand abzählen. Zwischen den gut 80.000 einheimischen Festivalteilnehmern fallen sie kaum auf.

Kettlins kleiner Hund erregt jedenfalls mehr Aufmerksamkeit als alle Touristen zusammen. Er wird von allen bewundert und immer wieder quietscht begeistert ein Kind bei seinem Anblick. Hände werden ausgestreckt, und bleibt das kleine Kerlchen einmal stehen, erhält es alsbald eine Streicheleinheit.

Auf der nächsten Hügelkuppe stellen wir fest, dass wir eigentlich mal was zu futtern vertragen könnten.  Und nachdem wir ein wenig gefrühstückt haben, stellen wir fest, dass wir eigentlich total müde sind.

Jetzt, wo es langsam auch warm wird, bietet sich ein Mittagsschläfchen in der Sonne geradezu an.

Viel später setzen wir unseren Weg zum Gletscher fort. Immer wieder müssen wir stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Ich bewundere all die Kinder und älteren Leute, die ebenfalls ihren Weg hinauf über Geröll und große Steinbrocken finden. Oft in viel zu lange getragenen Schuhen, gegen die selbst meine maroden Wanderstiefel noch ganz prima wirken.
Dabei musste ich sie für diese Wanderung schon kleben …

Kettlin und ihr kleiner Hund sind zum Glück geduldig mit uns.
Als wir endlich den Gletscher erreichen, müssen wir feststellen, dass einige der „Hüter“ ihn bewachen und niemanden hinauf lassen.

Eigentlich ganz sinnvoll, denn die Spuren der vielen Menschen, die den Gletscher während des Festes besuchen, zeichnen das Eis nur zu deutlich.

An vielen Stellen sind Namen in die oberen Schichten gezeichnet und ganze Stücke herausgebrochen. Das heilige Eis wird gerne verspeist. Wobei Dario, der sonst durchaus als Schneefresser durchgeht, hier keine Gelüste verspürt – die Stellen am Rand sind alle zu dreckig.

Wer dem Gebot der Hüter trotzt und sich dennoch nahe an den Gletscher heran wagt, wird von ihnen angebrüllt und wenn nötig sogar mit wilden Peitschenhieben verjagt.

Das gefällt vor allem Dario gut, der breit grinsend vor einem von ihnen zu mir flüchtet.

Ohne Bedauern wandern wir ohne eine Gletscherbegehung zurück ins Tal. Dieses Tal auf 4.700 m, das höher liegt als der Pass des Salkantay …. – wie hoch liegt dann wohl der Gletscher?
Sicherlich über 5.000 m.

Ein wenig beobachten wir noch das Treiben, und Kettlin versucht uns zu überreden, noch die Kirche zu besuchen, wo die Tänze am intensivsten sind.
Doch die Schlange ist so lang, dass wir dankend ablehnen. Sie müsste schließlich auf uns warten, weil der Hund gar nicht in die Kirche darf.

Gemächlich machen wir uns an den Abstieg und nehmen diesmal einen weniger begangenen Pfad über Wiesen voller Lamas.

Als wir endlich wieder im Bus sitzen, der zu aller Missfallen teurer ist als auf der Hinfahrt (klar, denn anders kommt man von hier ja nicht weg), schlafen wir sofort ein.

Es dunkelt schon wieder, als wir endlich zuhause ankommen.