Der Machu Picchu

Der Machu Picchu
24.05.2018

Als wir um kurz vor 5:00 Uhr morgens an der Bushaltestelle ankommen, trifft uns schier der Schlag. Die Schlange ist so lang, dass sie sich nach über hundert Meter in der Dunkelheit verliert. Als wir sie entlanglaufen, will sie gar kein Ende nehmen.

Ich stelle mich an und Dario geht in die französische Bäckerei, die wir bereits gestern entdeckt haben und kauft Pain au Chocolat. Als er wiederkommt, sind wir uns einig: Lieber laufen wir den Berg hoch und haben wenigstens eine Chance, früh da zu sein, als ewig hier zu warten!

Also laufen wir los. Es ist 5:10 Uhr und aus den Berichten, die ich gelesen habe weiß ich, dass der Aufstieg meist ca. 1,5 Stunden braucht. In 50 Minuten öffnen die Tore des Machu Picchu.

„Wollen wir rennen?“, fragt Dario mich und ich nicke. Hier auf der Straße, die die ersten 1,5km vom Dorf aus bergab führt, läuft es sich schließlich noch gut. Und es ist schön, nur noch mit Tagestasche unterwegs zu sein statt mit den großen Rucksäcken!

Als wir den unteren Eingang des Machu Picchu erreichen, der sich am Fluss befindet, ist es noch immer dunkel. Von hier aus sind es noch weitere 1,5km, ab jetzt allerdings steil bergauf, denn 450 Höhenmeter müssen bewältigt werden.

Nur mit Handytaschenlampe bewaffnet, denn die Stirnlampen liegen natürlich im Hotel, steigen wir auf den unwegsamen Pfaden empor. Heute sind wir diejenigen, die überholen. Wann immer wir auf eine andere Gruppe treffen, ziehen wir an ihnen vorbei.

Nur drei von den alten Joggern, die wir gestern schon gesehen haben, sind noch schneller als wir.

Im Rausch, dass wir so viel schneller unterwegs sind als die meisten und es vielleicht wirklich noch unter den ersten zum Haupteinlass schaffen, gönnen wir uns keine Pause.

Als wir oben ankommen zeigt die Stoppuhr 59:59, es ist 6:10 Uhr und vor uns sind vielleicht um die 100 Leute. Nicht wenig, aber schon wesentlich besser als noch unten an der Bushaltestelle! Neben und hinter uns kommt es vermutlich auf nochmal so viele und mit jeder Minute werden es mehr.

Bald darauf sind wir drin und können gerade noch Fotos von einer menschenleeren Stadt machen.

Alle, die jetzt schon drin sind, befinden sich noch auf dem ersten Hang und nicht im Zentrum der Anlage. Doch schon wenige Minuten später füllen sich die Wege langsam aber sicher mit Menschen.

Wir schlendern noch etwas herum, dann gehen wir zum Eingang des Montaña Machupicchu, der um 7:00 Uhr aufmachen wird. Kaum zu glauben, dass wir es so pünktlich geschafft haben.

Während wir warten, geht die Sonne hinter den Bergen auf.

Und kaum dass dieses Spektakel vorbei ist, kommen einige Lamas und drängeln sich rücksichtslos durch die Wartenden. Dieser Ort ist wahrlich ein Königreich für ein Lama 😉

Diesmal sind nur etwa 20 Personen vor uns, doch es dauert etwas, bis alle sich in einem großen Buch eingetragen haben.

Obwohl wir natürlich alle Zeit der Welt haben, schlagen wir ein zügiges Tempo an. Bald schon lassen wir wieder die ersten anderen Wanderer hinter uns. Ohne unsere schweren Wanderrucksäcke fühlen wir uns ein wenig, als hätten wir Superkräfte. So leicht steigt es sich empor.

Das heißt aber natürlich nicht, dass die Beine nicht irgendwann anfangen zu kribbeln. Und auch der Atem geht schnell, wir schwitzen wie verrückt. Aber wir haben Freude daran, uns zu beeilen. Vielleicht schaffen wir es als allererste auf den Gipfel?

Ganz schaffen wir es nicht. Als wir oben ankommen, sind bereits ein Italiener und ein anderes deutsches Paar da. Zu unserer großen Befriedigung sind sie aber nicht von Aguas Calientes aus gelaufen, sondern haben den Bus genommen. Wir sind heute also immerhin die ersten, die ganz von Aguas Calientes bis hier auf den Gipfel gestiegen sind!

Das ist natürlich etwas, das ich für vollkommen sinnlosen Ehrgeiz halte, aber es macht Spaß.
Man nutze jede Gelegenheit, um sich gut zu fühlen und da gibt es ja bekanntlich kaum etwas besseres als sich sportlich zu betätigen.

Mit dem anderen Pärchen verstehen wir uns auf Anhieb gut. Wir frühstücken zusammen, während wir einen der besten Ausblicke genießen, die man sich wünschen kann. Und machen natürlich jede Menge Fotos.

Eine ganze Weile haben wir den Gipfel für uns alleine. Unter den ersten nach uns ist ein weiteres sympathisches Paar, dass uns alle überrascht, als er plötzlich vor ihr auf Knie fällt und seinen Hochzeitsantrag vorbringt. Zum Glück ist seine Herzensdame angemessen gerührt und erfreut, wenn auch nicht übermäßig überrascht.

Wir müssen alle lachen, als wir uns vorstellen, wie jemand seine Liebste dazu drängt so schnell wie möglich diesen Berg zu erklimmen, um als erstes oben zu sein und in der perfekten Atmosphäre einen Antrag machen zu können. So steil wie der Berg ist, könnten wir uns gut vorstellen, dass das das Ende einer Beziehung sein könnte.

Wir nehmen uns viel Zeit, bevor wir wieder absteigen. Unterwegs sehen wir immer wieder Leute, die den Aufstieg abbrechen. Es ist wirklich ganz schön steil.

Den Rest des Tages verbringen wir damit, uns einen schönen Platz mit guter Aussicht nach dem anderen zu suchen, sodass ich die Ruinen aus allen möglichen Perspektiven zeichnen kann.

Es ist unglaublich schön!

Nicht, dass die Gemäuer so unglaublich wären, aber einfach die Lage und Anordnung machen die Anlage zu etwas ganz besonderem. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ich enttäuscht sein würde. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ich kann mich gar nicht sattsehen.

Besonderen Spaß haben wir auch mit den Lamas und den Reaktionen der Touristen. Manche Menschen sind ziemlich dreist und rücken den geduldigen Tieren so auf die Pelle, dass sie vom Personal zurecht gewiesen werden. Andere erschrecken sich furchtbar, wenn plötzlich ein Lama neben ihnen auftaucht.

Mittags essen wir auf einem kleinen Vorsprung, vermutlich eine ehemals landwirtschaftlich genutzte Terrasse. Neben uns dösen zwei Frauen. Als plötzlich ein Lama von einer leicht nach hinten versetzten Terrasse zu uns herüber springt, erschrecken sich die beiden so, dass sie alles stehen und liegen lassen und kreischend davonrennen. Selbst ein Schuh geht bei der Flucht verloren.

Das alles geht so schnell, dass wir uns – so entspannt wie wir sind – noch kaum bewegt haben. Adrenalin ist schon etwas Erstaunliches… Ich hätte nicht gedacht, dass diese beiden so schnell sein können.

Wir bleiben fast bis zur Schließung in der Anlage, dann nehmen wir den Bus zurück ins Dorf. Wenigstens die eine Fahrt des teuren Tickets erweist sich somit als brauchbar. Und ist nach dem langen Tag sehr angenehm.

 

Rückfahrt nach Cusco
25.05.2018

Wir stehen bei Zeiten auf und laufen an den Schienen entlang zurück.

Dann fahren wir mit Colectivos zurück nach Cusco, wo unsere lieben AirBnB-Gastgeber uns schon wieder erwarten.

Bevor wir zum Salkantay aufgebrochen sind, hatte Kettlin uns von einem Festival erzählt, dass dieser Tage wie jedes Jahr in den Bergen in der Nähe von Cusco stattfindet. Es soll etwas ganz Besonderes sein und sie hatte vorgeschlagen, wir könnten vielleicht gemeinsam hingehen.

Daran erinnern wir sie nun und machen aus, dass wir gleich morgen Abend hingehen.

Zwei Deutschen, die auch gerade hier wohnen, erzählen wir von unserer tollen Zeit auf dem Trek und geben gleich ordentlich Tipps weiter. Die beiden beschließen ihn auch zu machen und wir machen aus, dass sie uns auch ihre Erlebnisse mitteilen werden, damit wir sie in unseren Beitrag zum „Salkantay ohne Guide 2018“ aufnehmen können.

Wir statten der Innenstadt auch noch einen kurzen Besuch ab und ich kaufe mir Schuhe in einem Laden, der mir schon die ganze Zeit ins Auge gestochen ist.